[Rezension] Zwei Jugendbücher: „Nur drei Worte“ und „Anna und der Schwalbenmann

Direkt nacheinander las ich „Nur drei Worte“ und „Anna und der Schwalbenmann“, die beide als Jügendbücher ab 14 Jahre empfohlen sind; da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Wieso trotzdem beide für diese Altersgruppe empfehlenswert sind, möchte ich jetzt berichten. Dazu jedoch erst einmal eine kurze Rezension für beide Bücher getrennt.

Nur drei Worte – Zum Inhalt

Simon und Blue schreiben eMails, wie es Teenager so tun. Immer detaillierter und persönlicher werden die Mails und Simon hat das Gefühl Blue immer besser zu kennen. Beide wissen, dass sie die selbe Schule besuchen, aber kennen ihre wahren Identitäten nicht. Ein Geheimnis verbindet die beiden und dieses wird „bedroht“, als Simon vergisst sich auszuloggen und jemand diesen eMailaustausch mit Blue mitliest.. Die Geschichte wird aus Simons Sicht erzählt; immer mal wieder durch einige eMails unterbrochen, die uns zeigen, wie sich die Beziehung zwischen ihm und Blue entwickelt.

Nur drei Worte – Meine Meinung

Im Verlauf des Buches sehen wir wie Simon in seiner Umwelt agiert, wie sich Freundschaften entwickeln und wie die eMail-Freundschaft mit Blue ihren Lauf nimmt. Wir sehen, wie alles auf das „unvermeidliche“ hinausläuft: Simons Coming-Out, dass nicht so verläuft, wie er es sich wahrscheinlich immer vorgestellt hat.

Man sollte meinen, dass es selbstverständlich sein sollte, eine Geschichte über die erste Liebe auch für den Fall eines homosexuellen Jugendlichen zu berichten. Ist es aber nicht (es seidenn mir sind die anderen hundert Werke mit diesem Thema entgangen, die aber wohl nie so berühmt sein werden wie die heterosexuellen Liebesgeschichten der aktuellen Jugendliteratur).

Allein schon dieser Fakt macht „Nur drei Worte“ lesenswert, auch wenn ich mich schon während des Lesens immer wieder beim Gedanken ertappte, dass unsere Gesellschaft es immer noch unendlich schwer macht, wenn jemand eben doch aus der „Norm“ fällt. Daher finde ich Simons Vorschlag doch schon recht passend:

Es ist definitiv nervig, dass hetero (und auch weiß, wo wir schon dabei sind) die Norm ist und dass nur diejenigen, die nicht in diese Form passen, sich Gedanken über ihre Identität machen müssen. Heteros sollten sich auf jeden Fall outen müssen, und je peinlicher, desto besser.

Genau dieser Punkt macht es notwendig, dass ein Buch wie „Nur drei Worte“ existiert. Simon möchte nicht nur über seine Sexualität gesehen werden und doch drückt ihm die Gesellschaft dies immer noch auf. Er sollte sich nicht erklären müssen; er sollte nicht jedem mitteilen müssen, wie seine sexuelle Orientierung aussieht.

Dadurch, dass man einen guten Einblick in seine Seelenwelt bekommt, kommt auch diese Verbundenheit auf, die man sich immer mit Hauptcharakteren wünscht. Man spürt seine Verzweiflung und seine Freude auf gleiche Weise. Auch seine Gedankengänge sind sehr gut nachvollziehbar. Davon abgesehen ist Simons Familie einfach nur sympathisch – vielleicht ein wenig ungewöhnlich, aber definitiv sympathisch.

Eine Textstelle sprach mir direkt aus der Seele, weil ich das sehr gut kenne:

Nicht an etwas denken zu wollen ist wie dieser alberne Spielautomat Whac-A-Mole – jedes Mal, wenn man einen Maulwurf oder Gedanken wegdrückt, kommt anderswo ein ein anderer an die Oberfläche.

Weitere Infos

Nur drei Worte - CoverAutor: Becky Albertalli
Titel: Nur drei Worte
Übersetzung: Ingo Herzke
Seiten: 320
ISBN:  978-3-551-55609-7
Zusammenfassung: Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.
Link zum Buch

Anna und der Schwalbenmann – Zum Inhalt

Im Herbst 1939 ist Anna in Krakau allein mit ihrem Vater, der an der Akademie arbeitet und ihr vor allem seine Liebe zu Sprachen vermittelt. Als ihr Vater gefangen genommen wird, trifft Anna durch einen Zufall auf den mysteriösen Schwalbenmann, der sie mitnimmt und Krakau verlässt. Auf der Flucht durch Polen und die Sowjetunion treffen die beiden noch auf einen weiteren Mann, der sich ihrer Gruppe anschließt. Anna legt ihren Namen ab und wächst immer weiter zu einer jungen Frau heran. Der Schwalbenmann wird für außenstehende ihr Vater und ist gleichzeitig auch ihr Lehrer – die Flucht trifft Anna unvorbereitet doch mit Hilfe des Schwalbenmannes lernt sie vor allem praktische Dinge.

Anna und der Schwalbenmann – Meine Meinung

Unvermittelt wird Anna in eine Welt geworfen, in der sie auf der Flucht ist und in der alles zur potentiellen Gefahr wird. Da sie sehr jung ist, arbeitet der Schwalbenmann vorrangig mit Bildern, mit denen er ihr die Welt erklärt, die gerade aus den Fugen gerät.

Soldaten sehen aus wie junge Männer. Aber das sind sie nicht. Die, die von Westen kommen – sie sind Wölfe. Und die, die von Osten kommen, sind Bären. …die Wölfe und Bären mögen keine Menschen und wenn sie einen Grund finden, dir weh zu tun, dann tun sie es….wenn du ihnen weismachst, dass du, wie sie, kein Mensch bist, sondern ein verkleideter Wolf oder Bär, dann lassen sie dich ziehen.

Sprache ist das anfängliche Bindungsglied zwischen Anna und dem Schwalbenmann. Sie hat all dies von ihrem Vater gelernt und bei der ersten Begegnung mit dem Schwalbenmann, antwortet sie diesem mit verschiedenen Sprachen auf seine Antworten und bekommt so seine Aufmerksamkeit.

Diese Sprache ist es auch, die Annas Vater von ihr trennt. Als Intellektueller wird er verhaftet und verschwindet für Anna, die derweil bei Dr. Fuchsmann auf ihn wartet und der sie später einfach vor die Tür setzt, spurlos.

Für Jugendliche, die noch wenig Wissen zum Thema Zweiter Weltkrieg haben, müssten im Hintergrund einige Lücken geschlossen werden, da es in diesem Roman nicht vordergründig darum geht die voranschreitende Invasion Polens zu vermitteln, sondern eher das Gefühl der Flucht und Vertreibung. Diese Aufarbeitung von Gefühlen, bringt das Thema „Krieg“ wahrscheinlich näher an Jugendliche heran, als es Tatsachenberichte können: Zahlen und Fakten sind für manche schwer zu fassen und einzuordnen, aber das Gefühl plötzlich über jedes Paar neue Schuhe nachdenken zu müssen? Im Winter kaum Essen zu finden? Das sollte jeder Jugendliche nachvollziehen können. Die grausamen Bilder des Krieges sind war präsent, aber durch die Sprache – in meinen Augen – nicht zu hart für 14jährige.

Weitere Infos

Anna und der Schwalbenmann - CoverAutor: Gavril Savit
Titel: Anna und der Schwalbenmann
Übersetzung: Sophie Zeitz-Ventura
Seiten: 272
ISBN:  978-3-570-16404-4
Zusammenfassung: Krakau, 1939. Anna ist noch ein Kind, als die Deutschen ihren Vater mitnehmen, einen jüdischen Intellektuellen. Sie versteht nicht, warum. Sie versteht nur, dass sie allein zurückbleibt. Und dann trifft Anna den Schwalbenmann. Geheimnisvoll ist er, charismatisch und klug, und ebenso wie ihr Vater kann er faszinierend viele Sprachen sprechen. Er kann Vogellaute imitieren und eine Schwalbe für sie anlocken. Und er kann überleben – in einer Welt, in der plötzlich alles voller tödlicher Feindseligkeit zu sein scheint. Anna schließt sich dem Schwalbenmann an, lernt von ihm, wie man jenseits der Städte wandert, sich im Wald ernährt und verbirgt. Wie man dem Tod entkommt, um das Leben zu bewahren. Aber in einer Welt, die am Abgrund steht, kann alles gefährlich werden. Auch der Schwalbenmann.
Link zum Buch

Ein Gesamtfazit; oder auch: Wieso beide gleichermaßen lesenswert für Jugendliche sind

Im Vergleich unterscheiden sich beide in ihren Themen und in ihrem Schreibstil. Während „Nur drei Worte“ deutlich jugendlicher daher kommt, besticht „Anna und der Schwalbenmann“ durch eine schon fast poetische Sprache und sehr bildhafte Beschreibungen.

Und doch sind beide gleichermaßen wichtig für Jugendliche: Die Vergangenheit gehört (auch in Anbetracht momentaner politischer Entwicklungen) immer wieder besprochen und der Jugend auch auf literarische Weise nahegebracht. Aber auch für unsere gemeinsame Zukunft gibt es noch viel zu tun. Menschen mit LGBTQIA-„Hintergrund“ sollten sich nicht rechtfertigen müssen; sollten nicht durch die brennenden Reifen eines Coming-Out springen müssen, um dann Klischees und Diskriminierung gegenüber zu stehen. Und wenn ich mich in meinem Umfeld manchmal so umschaue, dann sind wir da noch lange nicht, auch wenn es für manche nur kleine spaßige Bemerkungen sein mögen. Ich selbst bin immer offen mich auch sprachlich an solche Probleme anzupassen und – sollte jemandem hier ein sprachliches Problem auffallen – lasse mich immer gern auch belehren, wenn bestimmte Schreibweisen oder Begriffe nicht funktionieren.

Gleichermaßen sollte man sehen, ob eine gewisse persönliche Reife oder ein generelles Interesse an den Themen besteht, denn „Anna und der Schwalbenmann“ mag mit seiner bildhaften Sprache nicht für jeden 14jährigen/jede 14jährige gleichermaßen geeignet sein. Genauso sollte man einen Jugendlichen nicht zu „Nur drei Worte“ überreden, wenn er bereits voller Vorurteile steckt.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

%d Bloggern gefällt das: