[Rezension] Joey Goebel – Ich gegen Osborne

[Rezension] Ich gegen Osborne - Mein Taschenbuch im FebruarMein Februar Buch für Das Jahr des Taschenbuchs ist „Ich gegen Osborne“ von Joey Goebel geworden. Wie auch das Januarbuch stand es auf keiner Wunschliste und wurde von mir einfach so im Buchladen meines Vertrauens aufgestöbert.

Wieso gerade dieses Buch?

Ich habe schon vor einigen Jahren „Vincent“ und „Freaks“ gelesen; während oder kurz nach dem Abitur. Als ich also im Buchladen durch das Regal stöberte, fiel mein Blick zuerst auf den Autor. Danach kam der Fakt, dass mich die Bücher des Diogenes Verlags immer irgendwie anziehen – das zeitlose Cover hat es mir angetan.

Meine Gedanken zum Buch

James Weinbach ist auf den ersten Blick ein typischer Außenseiter – das sieht er selbst so und das scheinen auch seine Mitschüler so zu sehen. „Ich gegen Osborne“ führt uns von 7:47 bis 15:34 Uhr durch sein Leben am ersten Schultag nach dem berühmt berüchtigten Spring Break; Unterrichtsstunden und Pausen erleben wir mit ihm und seinen Mitschülern. James trägt jeden Tag einen Anzug zur Schule, fühlt sich als einziger Schüler, der noch Klasse hat, und steht in seinen Augen über seinen Mitschülern. Nachdem er in einer Stunde einen Auszug seines Romans vorgestellt hat, eskaliert alles und James kämpft für das, was er als Überzeugung lebt: Seinen Mitschülern zeigen, dass ihr Verhalten keine Klasse hat.

Sonntägliche Leseauszeit im Familientrubel

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Wir sehen James in Interaktion mit Mitschülern und den wenigen Menschen, die man als seine Freunde ansehen könnte, auch wenn hier die Beziehung auch nicht unbedingt eine sehr innige ist. James blickt selten wirklich hinter die Fassaden, die auch die anderen mit sich herum tragen und das fällt ihm schlussendlich auf die Füße.

Meine Sichtweise auf James ist recht zwiegespalten: Sein Verhalten seinen Mitschülern gegenüber hat leider das Manko, dass es eigentlich genau das vermissen lässt, was er ihnen vorwirft – Klasse und Stil. Er verlässt sich ebenso auf Gerüchte, wie die anderen auch, und verurteilt auf Basis dieser Gerüchte seine Freundin Chloe. Seine zynische Art macht es schwer ihn wirklich zu mögen, auch wenn man um seine Hintergrundgeschichte weiß. Er stellt sich über alle und muss erst im Verlauf scheint ihm dies selbst auch mal bewusst zu werden; dazu muss es jedoch erst zum offenen Konflikt kommen. Klar ist diese Generation vielleicht oberflächlich, aber jeder hat doch das Recht, so zu leben wie er möchte (innerhalb festgelegter gesellschaftlicher Regeln und Gesetze). Trotzdem ist er auch bemüht, jedem freundlich gegenüberzutreten und als positives Beispiel seine Mitschüler zu beeinflussen.

Insgesamt bin ich nicht sicher, ob „Ich gegen Osborn“ die Individualität feiert oder die Konformität verteidigt. Vielleicht ist James‘ Geschichte aber auch nur ein Appell, sich auch mal die Mühe zu machen, hinter die Masken seiner Mitmenschen zu schauen; der draufgängerische Lieblingschüler ist vielleicht mehr als nur der Verführer aller Mädchen während des Spring Break.

Allerdings bin ich nach wie vor von Goebels Witz überzeugt. Zitate wie das untenstehende, brachten mich einige Male zum Lachen und bleiben nachhaltig in meinem Kopf (und im kleinen PostIt auf der entsprechenden Seite) erhalten.

Eigentlich hieß er Samuel, bestand aber darauf, dass man ihn Shitty nannte. Der Name passte; er sah aus wie jemand, den man irgendwo zufällig fand. Man suchte ihn nie auf, sondern fand ihn zufällig wie überfahrene Tiere.

Joey Goebel: Ich gegen Osborne, Zürich 2013, Seite 226.

Auch der Zwiespalt über James als Protagonist ist kein negativer Fakt, denn für mich ist das ein Punkt, über den man nachdenken sollte: Wie geht man mit sich selbst und seinen Mitmenschen am pfleglichsten um, sodass man sowohl die Ansprüche an sich selbst leben kann, aber diese Ansprüche nicht zunichte macht, indem man sich über alle anderen stellt.

Die wichtigsten Fakten

IchGegenOsborne-189x300Autor: Joey Goebel
Titel: Ich gegen Osborne
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 512
ISBN: 978-3-257-24284-3
Zusammenfassung: Er ist ein Unikat in einer Welt, in der sich jeder durch Originalität abheben will. Er ist als Einziger erwachsen in einer Welt mit kindischen Spielregeln. Und der Einzige, der sich noch nach etwas sehnt und auch dafür kämpft: der Schüler James Weinbach. Mit „Ich gegen Osborne“ zieht Joey Goebel der amerikanischen Partygesellschaft den Stecker!
Link zum Buch

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4 Comments

  • Reply
    FragmentAnsicht
    Feb 16 at 21:35

    „Insgesamt bin ich nicht sicher, ob „Ich gegen Osborn“ die Individualität feiert oder die Konformität verteidigt. “
    Ich hatte den Eindruck, dass es ein wenig Goebels „Aufarbeitung“ der Erkenntnis war, dass Individualität allein einen auch nicht so richtig weiterbringt. Um es mal so runterzubrechen 😉

    Anyway, schöne Besprechung eines tollen Romans, auch wenn mir „Heartland“ und „Vincent“ noch ein bisschen besser gefallen haben.

    LG

    • Reply
      Karo
      Feb 17 at 11:16

      Es ist so schwierig, weil man durch den kurzen Ausschnitt auch nicht weiß wie es nun mit James weitergeht. Wird er so weitermachen wie bisher? Das macht mich wahnsinnig ^^ Ich sehe James so zwiegespalten, dass ich auch nach vielen Tagen Nachdenkens nicht weiß, welcher Weg nun der richtige Mittelweg ist. Aber das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Viele treten extrem individualistisch auf, aber sind es im Endeffekt gar nicht. Während die verurteilt werden, die als Zielsetzung haben einfach möglichst normal (was auch immer das ist) zu leben.
      „Heartland“ fehlt mir in meiner Goebel-Sammlung noch, aber es steht definitiv auf der Einkaufsliste.

      Liebe Grüße
      Karo

  • Reply
    el
    Feb 17 at 12:52

    Ich glaube Individualität wird hier einfach als notwendiges Übel behandelt, denn wie du schon geschrieben hast: Häufig ist Individulismus nur Schein, während James wirklich anders ist. Seine Auffasung von der Welt und menschlichem Verhalten unterscheidet sich ziemlich von der seiner Mitschüler und möglicherweise ist er nur deshalb so eklig zu ihnen, weil er einfach nicht dazugehören kann. Ich denke nicht, dass er so sein will wie sie, aber er würde sich gern weniger fremd fühlen. Darin zeigt sich, dass James sich kaum von anderen Gleichaltrigen Unterscheidet, weil auch er sich nur wünscht anzukommen, zu der Erkenntnis kommt er ja am Ende selbst. ich wäre gern mit ihm befreundet.
    Ein großartiger Roman.

    • Reply
      Karo
      Feb 17 at 14:39

      Das ist dieser ewige Zwiespalt von dazu gehören wollen aber gleichzeitig völlig anders sein wollen. Wahrscheinlich wäre alles ein wenig besser, wenn wir besser damit umgehen würden, dass manche eben einfach anders sind.
      Für mich persönlich trifft James irgendwo einen wunden Punkt, weil es mir auch nie gelungen ist (gerade zu Schulzeiten) in eine Schublade zu passen. Und wer halt immer zwischen Gruppen wechselt, in die er auch nie 100% passt, ist halt irgendwie doch allein. Daher würden er und ich wahrscheinlich auch irgendwie zusammen passen.
      Je mehr ich darüber nachdenke, desto tiefgreifender und bedeutsamer wird das Buch für mich.

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