[Rezension] Alle Toten fliegen hoch – Joachim Meyerhoff

IMG_4402„Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff ist das erste Buch für den Lesekreis, der sich passend zu Karlas Buchtipps in der ARD seit einigen Wochen aus einer Facebookgruppe entwickelt hat.
Am 1.April habe ich das Buch also – gleichzeitig mein Taschenbuch im April für #jdtb16 – im Buchladen meines Vertrauens das Buch bestellt und abgeholt und gleich angefangen zu lesen, weil es gepasst hat.

„Alle toten fliegen hoch“ ist der Auftakt einer Trilogie und Meyerhoffs Debütroman. Meyerhoff, Jahrgang 1967, ist manchen vielleicht sonst als Schauspieler und Regiesseur bekannt. Sein Erstlingswerk basiert auf einem Soloprogramm, dass er im Wiener Burgtheater auf die Bühne brachte.

Zum Inhalt

Im Fokus des Geschehens steht der 17jährige Protagonist (von seinem Vater wird er Josse genannt), der aus der verträumten Welt einer norddeutschen Kleinstadt raus will und sich dafür ein Austauschjahr in den USA ausgesucht hat. Beim Auswahlgespräch wird er mit selbstsicheren Großstadtjugendlichen konfrontiert und gibt sich – um seine Chancen auf einen Platz zu erhöhen – im Fragebogen als religiöser Naturbursche aus, der nicht unbedingt die amerikanische Großstadt erlebt haben muss. Der Plan geht auf und er bekommt einen Platz mitten im Nirgendwo in Laramie, Wyoming.

Mein erster Eindruck von Wyoming war: Keine Straßen. Andere Staaten waren überzogen von engmaschigem Straßengewirr. Wyoming war total leer. Eine blaue Straße von links nach rechts knapp über der Staatsgrenze zu Colorade und eine blaue Straße von unten nach oben. Das wars. Die Farbe der Karte: ocker. Dieser Bundesstaat war ein die gesamte Atlasseite überspannendes ödes ockerfarbenes Viereck. Bisschen grüb oben links, das war alles.

Zwischen seinen Versuchen sowohl in der Gastfamilie als auch in der Schule Fuß zu fassen erreicht ihn die Nachricht, dass sein Bruder gestorben ist…

Alle Toten fliegen hoch – Meine Meinung

Durch den Klappentext hatte ich erwartet, dass sich das Buch eingängiger mit dem Tod des Bruders beschäftigt und mehr Einblick in die Seelenwelt dea Protagonisten bietet, der sich ja zu dem Zeitpunkt einfach mal am anderen Ende der Welt befindet.
Bezeichnend ist dabei für mich, dass er sich im Auswahlgespräch für dieses USA Austauschjahr über die Oberflächlichkeiten seiner Mitbewerber auslässt und sich da auch in gewisser Weise über sie stellt; aber: Ist er nicht eigentlich genauso oberflächlich als ihm nach dem Tod des Bruders sein eigenes Außenbild in den USA wichtiger ist als alles andere? Als es ihm wichtiger ist einen Platz im Basketballteam zu kriegen? In der Umgebung seiner Familie wirkt die Trauerbeschreibung für mich wesentlich „realistischer“ als das in seiner Zeit in den USA der Fall ist.
Auf der anderen Seite bewundere ich seine Selbstsicherheit, die er selbst gar nicht so wahrzunehmen scheint. Welcher 17jährige schlendert schon ganz selbstverständlich in Hamburg in die Herbertstraße?

Für mich ist der Protagonist eine recht ambivalente Persönlichkeit – auf der einen Seite so gefestigt, dass er zielstrebig seines Weges geht, auf der anderen Seite aber noch so unsicher über seine eigene Gefühlswelt, dass er sich nach dem Tod des Bruders in Oberflächlichkeiten ergibt. Dies wird auch durch den sprunghaften Erzählstil unterstützt; die Erzähllinie verliert sich mancherorts in Anekdoten und hat dann – für mich – Schwierigkeiten zum Punkt zurückzukommen und die Geschichte voran zu bringen. Andererseits sind diese Anekdoten sehr anschaulich und witzig beschrieben und machen den Humor des Buches aus. Im Allgemeinen würde ich es als klassischen Entwicklungsroman bezeichnen, der durch die „Häppchen“ der einzelnen Anekdoten auch für kurzweilige Unterhaltung sorgt.
Es hätte mich allerdings gereizt noch mehr über das Konfliktpotential (gerade zum jüngsten Sohn der Familie) in der Gastfamilie zu erfahren, da zwar beschrieben wird, dass es Konflikte gibt, aber die Hintergründe fehlen völlig. Dafür wird ausführlich beschrieben, wie sich der Protagonist mit einem Pferd der Familie anfreundet…

Bereits in der Lesegruppe äußerte ich nach dem Lesen das Gefühl irgendwie hin- und hergerissen zu sein und auch nach fast einer Woche hält sich das Gefühl. Daher würde ich sagen, dass man „Alle Toten fliegen hoch“ am besten selbst lesen sollte, um sich ein Bild zu machen, denn alles in allem ist es ein unterhaltsames Werk, dass – wie im nachfolgenden Zitat – auch fast poetisch anmutende Züge annimmt. Allein schon diese Sprache, die Meyerhoff auch für die Beschreibung von banalen Alltagssituationen verwendet, macht das Buch lesenswert.

In meiner Stadt war Stille noch der Urzustand. Beruhigend, aber eben auch anstrengend, da man immer alleine von vorn anfangen musste, Lärm zu machen. Kein Weiterreichen, kein Einklinken – jeder für sich allein in seiner Stille. So brummten auch die Autos an mir vorbei. Aus der Stille kommend, in die Stille fahrend. Die Ziele dieser Autos erfüllten mich mit Langeweile. Garagen oder verkehrsberuhigte Wohnstraßen. Und während der Motor noch warm war, krabbelten die Kleinstädter in ihre heimeligen Betten und versanken gedankenlos in eben dieser Stille. Wie vereinzelt hier alles war. Einzelne Häuser, einzelne Autos, einzelne Bäume.

Die wichtigsten Fakten

3528129700001ZAutor: Joachim Meyerhoff
Titel: Alle Toten fliegen hoch. Amerika.
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seiten: 321
ISBN: 978-3-462-04436-2
Erscheinungsdatum: 2011
Preis: 9,99€
Zusammenfassung: Von der ersten Seite an folgt der Leser gebannt Meyerhoffs jugendlichem Helden, der sich aufmacht, einen der begehrten Plätze in einer amerikanischen Gastfamilie zu ergattern. Aber schon beim Auswahlgespräch in Hamburg werden ihm die Unterschiede zu den weltläufigen Großstadt-Jugendlichen schmerzlich bewusst. Konsequent gibt er sich im alles entscheidenden Fragebogen als genügsamer, naturbegeisterter und streng religiöser Kleinstädter aus – und findet sich bald darauf in Laramie, Wyoming, wieder, mit Blick auf die Prärie, Pferde und die Rocky Mountains.
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